Basel III für Finanzinstitute – die Beobachtungsphase beginnt . . .

Die Finanzkrise hat zu signifikanten Veränderungen in den Refinanzierungsstrategien und zu umfangreichen Reformen der Bankenaufsicht geführt. Wie weit ist die Gesetzgebung in Deutschland und was bedeuten die verschärften Liquiditätsregeln für die Finanzinstitute?

Bis Ende 2012 soll die Einführung der nötigen Vorschriften in sämtlichen G20 Mitgliedsstaaten erfolgt sein. Für die EU hat die Europäische Kommission im Juli 2011 die EU-Verordnung „Capital Requirements Regulation“ (CCR-E) und die EU-Richtlinie „Capital Requirements Directive“ (CRD IV-E) zur Umsetzung der Basel III Regulierungen in nationales Recht veröffentlicht.

In Deutschland müssen zur Umsetzung von CRD IV-E wesentliche Teile im KWG (deutsches Kreditwesengesetz) und seinen Nebenregelungen angepasst werden. Die Bundesregierung hat am 22. August 2012 ein Umsetzungsgesetz für CRD IV beschlossen, welches noch das Gesetzgebungsverfahren durchlaufen muss. 

Am 11. Oktober hat „Die Deutsche Kreditwirtschaft“ umfangreiche Anmerkungen zum Umsetzungsgesetz eingereicht und eine Verschiebung auf 2014 angeregt. Die erste Anhörung zum Gesetzentwurf fand im Bundestag am 18. Oktober statt. Die Verabschiedung des CRD IV Umsetzungsgesetzes und damit die Neuregelungen im KWG sind noch für dieses Jahr geplant. Es bleibt spannend abzuwarten wie sich die deutsche Gesetzgebung entscheidet. Für Basel III ist es von herausragender Bedeutung, dass die verpflichtenden Regulierungen weltweit identisch und zeitgleich umgesetzt werden, da sonst erhebliche Wettbewerbsungleichheiten auf dem internationalen Finanzmarkt entstünden. Bis Oktober dieses Jahres haben nur 8 der 27 Mitgliedsstaaten endgültige Regelungen zur Umsetzung von Basel III herausgegeben.

Die G20 Staaten haben sich zur weltweiten Umsetzung von Basel III mit dem Ziel der Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Bankensystems verpflichtet. Dazu gehören im Wesentlichen die im Folgenden beschriebenen Regelungsbereiche.

Stärkung der Solvabilität durch höhere Qualität und Quantität des Eigenkapitals

Zentrales Element von Basel III ist die grundlegende Überarbeitung der Struktur und Anrechenbarkeit des Kernkapitals und die Erhöhung des Mindestkapitals von bisher 8 Prozent auf bis zu 13 Prozent. Drittrangmittel (Tier 3) entfallen bei der Anrechnung komplett, beim Ergänzungs-Tier 2 Kapital (zur Befriedigung von Gläubigeransprüchen) wird die bisherige Zweiteilung aufgegeben. Das Tier 1 Kapital (zur Abdeckung laufender Verluste) wird unterteilt in hartes Kernkapital und zusätzliches Kernkapital. Wesentlich ist, dass die Zuordnung zu den Kapitalgruppen jetzt auf strengen Kriterien beruht, die Dauerhaftigkeit, Verlustteilnahme und Nachrangigkeit berücksichtigen. Insbesondere sind die Abzugspositionen deutlich erweitert. Dazu gehören u.a. der Firmenwert, immaterielle Vermögenswerte und Finanzbeteiligungen.

Basel III sieht die schrittweise Erhöhung des Kernkapitals vor (siehe Grafik auf der Folgeseite). Die Mindestkapitalanforderung von 8 Prozent erfährt bis 2015 eine Umschichtung von den aktuellen 4 Prozent zu 6 Prozent Kernkapital. Ab 2016 sind weitere Kapitalerhaltungspuffer in Höhe von 2,5 Prozent aufzubauen. Zusätzlich kann von der nationalen Aufsicht je nach konjunktureller Situation ein weiterer Puffer von maximal 2,5 Prozent gefordert werden. Die Mindestkapitalanforderungen können somit bis auf 13 Prozent steigen, für systemrelevante Banken kann sogar noch ein Aufschlag hinzukommen.

Einführung einer Höchstverschuldungsquote (Leverage Ratio)

Die übermäßige Verschuldung der Kreditinstitute war laut einer Studie des Baseler Ausschusses eine Mitursache der Finanzmarktkrise. Eine Verschuldungskennziffer soll die übermäßige Verschuldung begrenzen.

Deren Berechnung erfolgt quartalsweise als Durchschnitt der Monatswerte. Diese werden als Verhältnis vom Tier 1 Kernkapital (Zähler) zur Summe der bilanziellen und außerbilanziellen Aktiva (Nenner) berechnet. Außerbilanzielle Positionen werden dabei voll angerechnet, einseitig durch das Finanzinstitut kündbare Zusagen hingegen werden lediglich zu 10 Prozent angerechnet. Der Anteil des Kernkapitals muss nach vorläufiger Vorgabe im CRR-E mindestens drei Prozent betragen.

Ab 2013 ist die Leverage Ratio regelmäßig zu melden. Nach Überprüfung der Wirkung und Höhe soll diese Kennziffer ab 2018 verbindlich als harte Limitierung festgesetzt werden. 

Zu beachten ist, dass die zum gleichen Zweck seit 2009 im KWG eingeführte „modifizierte bilanzielle Eigenkapitalquote“ unterschiedlich zur neu definierten Leverage Ratio nach CRD IV zu berechnen ist. Daher wird von der Deutschen Kreditwirtschaft angeregt im deutschen CRD IV Umsetzungsgesetz auf die alte Kennzahl zu verzichten.

Einführung verschärfter Mindestliquiditätsstandards

Ziel der neuen Regelungen ist es, die kurzfristige Liquidität des Instituts auch unter Stressbedingungen sowie die langfristigen Refinanzierungen sicherzustellen. Die in Basel III neu definierten Standards werden in die CRR übernommen und ersetzen die auf nationaler Ebene
bestehenden Vorgaben für die Liquidität. . .

Net Stable Funding Ratio – NSFR

Die Einführung der strukturellen Liquiditätsquote () spiegelt die langfristig stabil zur Verfügung stehenden Mittel in Relation zu dem langfristig zu erwartenden Refinanzierungsbedarf wider. Dieses Konzept entspricht der „Goldenen Bankregel“. 

Die verfügbare stabile Refinanzierung wird als Summe aller Passiva jeweils mit einem ASF (Available Stable Funding)-Faktor gewichtet. Der Faktor variiert von 0 bis 100 Prozent: Eigenkapital geht beispielsweise mit 100 Prozent, Privateinlagen mit 90 Prozent und Einlagen von staatlichen Stellen nur mit 50 Prozent ein. Auch für die Refinanzierung gibt es gewichtete RSF (Required Stable Funding)-Faktoren.

Liquidity Coverage Ratio – LCR

Mit der Einführung der Mindestliquiditätsquote () wird eine Kennzahl geschaffen, die den Liquiditätspuffer einer Bank ins Verhältnis zu ihren Zahlungsmittelabgängen der nächsten 30 Tage setzt.

NSFRDie Stressszenarien berücksichtigen institutsspezifische und systemische Krisen sowie Herabstufungen durch Ratingagenturen von bis zu drei Ratingstufen.

Für die Zahlungsmittelabgänge werden Kundengruppen mit unterschiedlichen Abflussquoten gebildet. Privatkunden und kleine Unternehmen haben eine Abflussquote von 5 bis 10 Prozent, Unternehmen, Zentralbanken und öffentliche Stellen von 75 Prozent und Banken werden mit einer Abflussquote von 100 Prozent berücksichtigt.

Schlussfolgerungen: 

Ab 2013 ist die LCR im Rahmen der Beobachtungsphase zu melden und ab 2015 ist ihre Einhaltung Pflicht. Maßnahmen zur Steuerung der LCR sind ein hochaktuelles Thema und erfordern aufgrund der cashflow-orientierten Kennzahlenermittlung eine Detaillierung und Datenqualität, die häufig noch Änderungen an den IT-Systemen und Dashboards erfordern.

Für die Einhaltung der Kennzahlen werden Refinanzierungen und Anleiheemissionen in Zukunft schwieriger. Denn kurzfristige Einlagen (außer von Privatanlegern und kleinen Unternehmen) haben hohe Abflussquoten und die Emissionen von Banken zählen nicht zum Liquiditätspuffer. Daher werden diese weniger häufig von anderen Banken nachgefragt werden. 

Es werden neue Finanzmarktstrategien entstehen, bei denen die Nutzung von notenbankfähigen Wirtschaftskrediten eine wichtige Rolle in der Refinanzierungsstrategie spielen kann. Ein großer Effekt kann durch eine Umschichtung des Liquiditätspuffers erzielt werden. Die Umschichtung von Ende 2014 fälligen Wertpapieren oder eine gezielte Behandlung von Repos (mit Laufzeiten von über 30 Tagen, Repos mit der Zentralbank oder dem Staat) sollte dafür geprüft werden. Des Weiteren sind Steuerungsmaßnahmen zur prozentualen Einlagenverbesserung aufgrund der Kundengruppen-Kategorien in Betracht zu ziehen. Dazu gehören die Erhöhung der Privateinlagen und z.B. die Verringerung von Bankeneinlagen.

Eine Analyse der Profitabilität des Finanzinstituts in Bezug auf die neuen Liquiditätsregeln ist erforderlich und kann zur Anpassung der Refinanzierungsstrategie und zur Umschichtung des Liquiditätspuffers führen. Die laufende Beobachtungsphase ist zur Umsetzung und zur Verfeinerung der Steuerungsmaßnahmen zu nutzen. Eine gute Vorbereitung ist die Basis zur Erfüllung der neuen regulatorischen Anforderungen und bedeutet zudem eine Stärkung des Finanzinstituts im europäischen und internationalen Markt. 

Dies schafft Vertrauen für Bestandskunden und eröffnet neue Möglichkeiten im Vertrieb.

Ansprechpartner: Franziska Mühlenkord; Turn on Javascript!