Stellschrauben zum Liquiditätsmanagement unter Basel III

Neue Herausforderungen im Management der Liquiditätsrisiken und des Eigenkapitals

StellschraubenSchlagworte wie Liquidität, Liquiditätsrisiko oder Liquiditätsmanagement geistern bereits seit vielen Jahren durch die Bankenlandschaft. Durch Basel III hat die Liquiditätsbetrachtung jedoch einen neuen und detaillierteren Fokus erhalten. Für Kreditinstitute im In- und Ausland wurden in den vergangen zwei Jahren neue Kennzahlen eingeführt, die eine regelmäßige Überwachung der kurz- und langfristigen Verfügbarkeit von flüssigen Finanzmitteln ermöglichen sollen. Diese Kennzahlen stellen hohe Anforderungen an die Banken, auch in Bezug auf die Ermittlung dieser Werte. So sind die Kennzahlen LCR, NSFR und die Leverage Ratio, in Bezug auf den Verschuldungsgrad, zu zentralen Steuerungs- und Messparametern geworden. Was die Werte aussagen und wie sie ermittelt werden, wird in der folgenden Einzelbetrachtung gezeigt.

LCR – Liquidity Coverage Ratio

Mit der Liquidity Coverage Ratio, kurz LCR, werden die kurzfristigen Liquiditätsrisiken von Kreditinstituten bewertet. Die Kennzahl wurde im Zuge der Basel III Einführung etabliert und muss ab dem 01. Januar 2015 standardmäßig berichtet werden. Seit 2011 befindet sich die LCR bereits in einer Beobachtungsphase und wird von den Banken erhoben.

LCR

Dargestellt wird durch die LCR das Verhältnis zwischen dem Bestand an erstklassigen liquiden Aktiva und den Nettoabflüssen. Die Zeitspanne der Betrachtung beträgt dabei 30 Tage. Um den Erfüllungswert nach Basel III zu erreichen muss die LCR bei 100% oder einem höheren Betrag liegen. Zu ermitteln ist diese Kennzahl unter Anwendung eines durch Basel III vorgegebenen Stressszenarios.
Stressszenarios simulieren Extremsituationen analog zur Bankenkrise
Die sogenannten Stressszenarios wurden als Konsequenz der internationalen Bankenkrise in 2007 herausgearbeitet und anschließend als Simulationstest verbindlich eingeführt. Sie spiegeln sowohl marktweite Schocks, als auch einzelfallspezifische Stresssituationen wieder. Dazu zählen beispielsweise der Abzug eines Teils der Einlagen von Privatkunden oder auch die Simulation der Erhöhung der Marktvolatilität mit Auswirkungen auf die Qualität von Besicherungen oder auf den zukünftigen Wert von Derivatpositionen. Heute gehört dieser beschriebene Stresstest zu den aufsichtsrechtlichen Mindestanforderungen für Kreditinstitute. Dabei müssen die Banken eigene Stresstests durchführen, um zu ermitteln, wie sich der Umfang ihrer Liquidität in diesen Situationen verändert. Die Ergebnisse dieser Tests sind der Bankenaufsicht mitzuteilen und sollten längere Zeithorizonte beinhalten.
Insgesamt soll die Betrachtung der LCR sowohl der Bank, als auch der Aufsicht, einen Zeitraum verschaffen, in dem über mögliche, langfristige Maßnahmen entschieden werden kann, sofern sich außerplanmäßige Umstände abzeichnen. Da der Betrachtungshorizont der LCR 30 Kalendertrage beträgt, soll für diesen Zeitraum sichergestellt sein, dass das Kreditinstitut über einen ausreichenden Bestand an lastenfreien, erstklassigen liquiden Aktiva verfügt, die direkt in Barmittel umgewandelt werden können. Somit soll der Liquiditätsbedarf auch in ungünstigen und außerplanmäßigen Situationen für den besagten Zeitraum gedeckt sein und Reaktionsspielräume verschaffen.

NSFR – Net Stable Funding Ratio

Neben der LCR wurde im Rahmen von Basel III auch die Net Stable Funding Ratio, kurz NSFR, eingeführt. Im Deutschen wird diese Kennzahl auch als „strukturelle Liquiditätsquote" bezeichnet und betrachtet im Vergleich zur LCR einen deutlich größeren Zeithorizont. Während sich die LCR auf einen Zeitraum von 30 Arbeitstagen bezieht, liegt der Zeithorizont der NSFR bei einem Jahr. Diese Betrachtung soll bei den Kreditinstituten für eine tragfähige Fristenstruktur von Aktiva und Passiva sorgen und damit zur Optimierung der strukturellen Liquidität dienen.

NSFR

Während die LCR durch die Betrachtung der erstklassigen, liquiden Aktiva und der Nettoabflüsse in den nächsten 30 Tagen sehr kurzfristig ausgerichtet ist, stellt die NSFR das Verhältnis des verfügbaren Betrags stabiler Refinanzierung zum erforderlichen Betrag stabiler Refinanzierung dar. Der verfügbare Betrag soll dabei den erforderlichen Betrag überschreiten. Dabei stellt sich die verfügbare stabile Refinanzierung als Aggregat von Eigen- und Fremdmitteln dar, die auch unter Stressbedingungen eine zuverlässige Mittelquelle für den Zeitraum von einem Jahr abbildet.
Zur Ermittlung dieses Aggregats von Eigen- und Fremdmitteln werden verschiedene Kategorien von liquiden Mitteln einer Bank betrachtet. Dazu zählen unter anderem das Eigenkapital, sowie Vorzugsaktien und Verbindlichkeiten mit einer Mindestrestlaufzeit von einem Jahr oder Einlagen ohne Fälligkeit.
Gleichzeitig dürfen auch Termineinlagen oder bereitgestellte Mittel von Großkunden mit einer geringeren Laufzeit als einem Jahr betrachtet werden, wenn erwartet werden kann, dass diese über längere Zeit bei dem Kreditinstitut verbleiben. Der Ansatz dieser Mittel kann jedoch nur anteilig erfolgen. Dafür wird der sogenannte ASF-Faktor, der available stable funding-Faktor, festgelegt, der diesen anrechenbaren Anteil angibt.
Der ebenfalls zur Ermittlung der NSFR benötigte erforderliche Betrag stabiler Refinanzierung wird aus dem Aggregat der gehaltenen Aktiva und außerbilanziellen Eventualverbindlichkeiten gebildet. Dazu werden wie in der Berechnung der verfügbaren, stabilen Refinanzierung Kategorien erstellt, denen ein RSF-Faktor, der sogenannte required stable funding-Faktor, zugeordnet wird. Diese Faktoren drücken aus, zu welchem Anteil die ermittelten Beträge aus den Kategorien in der Berechnung berücksichtig werden. Die Zuordnung der RSF-Faktoren erfolgt dabei sowohl für die gehaltenen Aktiva, als auch für verschiedene außerbilanzielle Geschäfte, da hier in Stresssituationen ebenfalls hohe Liquiditätsabzüge drohen können.

Flächendeckende Kontrolle durch engmaschige Kennzahlen

Liquidität

Die Kennzahlen LCR und NSFR, die wie beschrieben, im Zuge von Basel III etabliert wurden, fordern von den Banken ein strategisches und planvolles Liquiditätsmanagement. Durch die Ausrichtung auf unterschiedliche Zeithorizonte soll aktiv der Möglichkeit entgegenwirkt werden, wonach ausschließlich der für den LCR-Standard geforderte Bestand an erforderlichen, liquiden Aktiva mit kurzfristigen Mitteln, die kurz über dem 30-tägigen Betrachtungszeitraum liegen, gedeckt wird. LCR und NSFR in Kombination sorgen vielmehr für eine flächendeckende Überwachung der Liquidität von Kreditinstituten, um im Fall von Krisensituationen, Entwicklungen wie in der Zeit der Bankenkrise im Jahr 2007, abzuwenden. Hier ist schmerzlich bewusst geworden, dass die Liquiditätssituation der Banken entscheidend für das Funktionieren der Märkte ist. Die dadurch ausgelösten Refinanzierungsprobleme machten deutlich, dass Vorgaben zum Liquiditätsmanagement und zu dessen Überwachung unumgänglich sind. Die beschriebenen Kennzahlen sind somit eine Reaktion auf das Zurückliegende und eine Hoffnung für die Zukunft, dass solche Szenarien nicht wieder auftreten.

Leverage Ratio für mehr Transparenz in der Eigenkapitalquote

Neben den beschriebenen Kennzahlen zur Liquiditätssteuerung setzt Basel III auch bei der Eigenkapitalbasis der Banken an. Denn nur eine angemessene Eigenkapitalausstattung der großen Kreditinstitute stellt die Voraussetzung zur Bildung von Vertrauen dar. Das Eigenkapital dient im Krisenfall als Puffer. Es soll die auftretenden Verluste auffangen, und erst nach seinem Aufbrauchen müssen die Fremdkapitalgeber eintreten. Somit wird deutlich, dass die Position der Gläubiger, durch ein hohes Eigenkapital im Vergleich zum Fremdkapital, abgesichert werden kann. Die Leverage Ratio setzt daher das vorhandene Eigenkapital ins Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme. Aktuell ist die Festlegung eines Wertes für die Leverage Ratio noch offen. Als Richtwert wurde jedoch vorerst ein Mindestwert von 3% festgelegt. Durch diese Berechnung orientiert sich die Leverage Ratio im Bankensektor an der Eigenkapitalquote in der Realwirtschaft und stellt somit Vergleichbarkeit her. Diese Vergleichbarkeit zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft schafft Transparenz in Bezug auf die Risikoposition Eigenkapitalquote der Bank. Dieses Risikomaß ist nämlich zum einen bereits in der Wirtschaft bekannt und etabliert, zum anderen ist die Berechnung leicht durchführbar und somit nachvollziehbar. Aufwändige Risikobewertungen oder externe Ratings werden nicht benötigt.

Leverage Ratio

Neben der Leverage Ratio wird im Rahmen der Basler Regelwerke auch die Equity Ratio betrachtet. Diese Kennziffer stellt eine risikogewichtete Eigenkapitalquote dar, während die Leverage Ratio risikounabhängig ermittelt wird. Bei der Equity Ratio wird also das Eigenkapital ins Verhältnis zu den risikogewichteten Vermögenswerten auf der Aktivseite der Bankbilanz gesetzt. Zu den risikogewichteten Vermögenswerten zählen zum Beispiel Unternehmenskredite oder private Immobilienkredite. Somit wird nur ein Teil der Bilanzsumme betrachtet und die Equity Ratio fällt in der Regel höher aus, als die Leverage Ratio. Da in der Realwirtschaft die Grundlagen dieser Kennzahlen oftmals nicht bekannt sind und mit der hier genutzten Eigenkapitalquote gleichgesetzt werden, besteht die Gefahr der Falscheinschätzung bezüglich der Eigenkapitalsituation der Banken.
Um diesen Missverständnissen entgegen zu wirken und die Transparenz in der Berechnung und Deutung der Kennzahlen zu erhöhen, werden Equity und Leverage Ratio parallel erhoben, wobei die Leverage Ratio zunächst lediglich als Beobachtungsgröße eingeführt wird. Von 2013 bis 2017 läuft die Beobachtungphase, in der die Banken diese Kennzahl kalkulieren und ab 2015 auch offenlegen müssen. Ab 2018 soll die Leverage Ratio als verbindlich einzuhaltender Verschuldungsgrenzwert für Kreditinstitute gelten. Auf welchen Wert dieser dann genau festgelegt wird, ist heute noch offen.
Mit Basel III sind somit für das Liquiditätsmanagement und die Eigenkapitalbasis wichtige Regulierungen und Kontrollinstrumente in Kraft getreten. Inwiefern sie die Effekte erfüllen, die sich der Basler Ausschuss verspricht, wird sich erst in einer neuen Krisensituation zeigen. Bis dahin ist es an den Banken, sich an den gesetzten Mindest- und Grenzwerten zu orientieren und für mehr Sicherheit und Vertrauen bei Gläubigern und somit auf den Märkten zu sorgen.

Ansprechpartner: Julia Pongratz; Turn on Javascript! und Raphael Gräbener; Turn on Javascript!

Quellen:
www.diw.de (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)
www.handelsblatt.com
www.bis.org
www.bundesbank.de
www.wikipedia.org